Die Art Basel Miami Beach, 6.-9.12. 2012
Art Basel Miami Beach
Als Lue und ich Anfang Dezember 2012 im Flieger nach Miami saßen, waren wir eingestimmt auf das, was uns in Miami erwarten würde. In der südlichsten Großstadt der USA, die stark unter dem Einfluss hispanischer Einwanderer steht, hat sich vor zehn Jahren die Art Basel, die bedeutendste Kunstmesse der Welt, einen zweiten Spielort gegeben. Da sich im Winter in Miami die Amerikaner, die es sich leisten können, niederlassen, ist es der Ort mit den meisten Millionären und Milliardären des Kontinents.
In Miami werden, wie in Basel, wieder Unsatzrekorde erwartet, wobei noch nicht klar ist, ob Miami Basel darin überragt. Da es zur Hauptmesse der „Miami Basel“, wie die Messe hier genannt wird, 19 Satelliten-Messen gibt, kann man hier außer feiern und am Strand liegen, jedem Menge Kunst sehen.
Es war keine Überraschung, dass in Miami wie in Basel zum großen Teil dieselben Galerien auftreten. Das Publikum ist hier lockerer gekleidet, emotionaler, spontaner kaufentschieden, und bei den europäischen Galerien trotzdem nicht beliebter. Tom Wolfe, der große Chronist der US amerikanischen Gesellschaft, schreibt in seinem neuen Roman, „Back to Blood“, der Miami zum Thema hat, und der Ende Januar auf Deutsch erscheint: „ Miami Basel has already been a riot of chocktail receptions, dinner oartys, after partys, covert cocaine huddles, inflamed cating around for going-on three days. Almost anywhere they were likely to enjoy a nice littele status boost from the presence of celebrities- movie, music TV, fashion, who knew nothing about art and didn´t have time to care. All they want was to be...where things were happening!“
Mit Messebesuchern konfrontiert, die kaufinteressiert aber auch arglos sind, und sich begeistert über die Schönheit eines Blumengestecks auf dem Tisch äußern, und dabei über die ausgestellte Kunst schweigen, sind manche Galeristen am Ende der Messe entnervt. Man urteilt in Europa leichtfertig über die Oberflächlichkeit der Amerikaner und vergisst dabei, dass Europäerinnen ähnlich freudiger auf Blumen reagieren, als auf abstrakte Kunst, es aber gelernt haben, sich mit kompromittierenden Äußerungen zurückzuhalten.
Reiche können sich alles erlauben! - Als die ganz reichen Kunden werden sie von den Händlern in Miami an der schlampigen Kleidung erkannt; was manche exzellent und teuer ausstaffierte Dame verblüfft, dass sie hie und da wegen einem solchen Clochard von einem Galeristen stehen gelassen wird.
Am letzten Tag der Hauptmesse der „Miami Basel“ gab es die meisten Besucher. Immer wieder mussten wir uns durch Ansammlungen den Weg bahnen. Warum standen die Leute schweigend da und schauten alle in eine Richtung? Einmal kam Lue, der einen Abstecher in einen Parallelgang gemacht hatte zurück und sagte, gerade hast du Paris Hilton verpasst. Eine halbe Stunde später, in einer anderen Masse eingepfercht, hörte ich von ihm: da vorne ist die Knowles! Wer zum Himmel ist Knowles dachte ich und fotografierte eine schwarze Schönheit, die in einer Koje selbstbewusst den Fans ins Auge blickte. Beyoncée betrachtete während dessen, von mir unerkannt, in gebückter Haltung einen Meter weiter eine Bodenskulptur. Und dann war es schon zu spät für ein Foto.
Lue grinste über meine Unwissenheit, was Celebrities angeht. Dabei wurde der junge Mann, der bisweilen ein erstaunliches Charisma entwickeln kann, zwei Mal von jungen Frauen angesprochen, die ihn fragten, in welcher TV-Serie sie ihn schon gesehen hätten. Lue, dessen Freizeitvergnügen es ist, genau solche Serien in Originalsprache zu gucken, und der als Dialektnachahmer auch den US-Tonfall perfekt beherrscht, machte sich einen Spaß daraus, die Mädels in die Irre zu führen. Zum Schluss gab er den andächtig schauenden jungen Frauen Autogramme und gab ihnen gute Ratschläge für den Lebensweg.
Das Convention Center, das die Miami Basel mit ihren 250 Teilnehmern beherbergt, beeindruckt mit einem Hektar Grundfläche und hat einer Raumhöhe von sieben Metern.
Natürlich hat jeder seine Bevorzugungen. Ich z.B. schätze die Arbeit von Carlos Cruiz- Diez, dem alten Konkreten Reliefkünstler und freue mich immer, wenn ich eines der exquisiten und sehr empfindlichen Werke zu sehen bekomme. Als ich am Stand einer belgischen Galerie ein frühes Werk von CCD für $180.000 sah und den Händler fragte, warum das so teuer sei, der Marktpreis für eine solche Arbeit liegt nämlich bei einem Drittel davon, meinte er, dass ein so frühes Werk selten sei. Ich solle mal schauen, wie viel Neues man von diesem Künstler hier auf dem Markt gebracht hat. Und so war es auch. Auf dieser und auf zwei Parallelmessen sah ich mehr CCDs, als in meinem ganzen Leben zuvor. Aber sie gefielen mir nicht mehr so wie früher. Sie wirkten technischer, kälter. Das Angebot war zu groß. Da hatte einer die Produktionsmaschinerie angeworfen.
Ein amerikanischer Kollege führte uns in die Hierarchie der 19 (!) Satelliten- Messen ein. Downtown zählen die „Art Miami“ und die „Context“ sowie die „Miami Project“ zu den interessanten Artfairs mit jungen Galerien und guten Künstlern. In Miami Beach ist es die „Pulse“! Direkt neben diesen dreien, die in gut ausgestatteten klimatisierten Zelten untergebracht waren, fand man auch eine Artfair wie die „Red Dot“. Hier erstaunt die organisatorische Leistung eine solche Vielzahl von Galerien mit kohärentem Niveau zusammenzubringen. So viel Kitsch, Stand an Stand, bekommt man in Europa nicht zu sehen . Allerdings betrachte ich das Phänomen Kitsch mit anderen Augen: Der Kitsch ist für die Kunst was der Kompost für die Pflanzen ist. Die Red Dot war die lustigste Messe! Einfache Menschen lieben den Kitsch. So war hier auch das Publikum volkstümlicher. Zur Ehrenrettung muss man sagen, dass in der vergleichbaren Schicht der alten Welt die Freude am Dekor begrenzt ist. Kunst oder Kitsch, beides spielt bei einfachen Menschen in der Alten Welt nur in der Vorstellung eine Rolle. Sie dekuvrieren sich nicht durch eine Ausstellung schlechten Geschmacks in Form einer Anschaffung, die es Wert wäre, kritisiert zu werden. In den USA ist das anders. Hier hat niemand Scheu, sich zu exponieren, auch weil man hier nicht in dem Maße Kritik zu erwarten hat wie in der alten Welt. Amerikaner begeistern sich gerne. Die Energie, die bei uns in Reflexion und Kritik geht, fließt bei ihnen in die nächste Unternehmung.
Gemessen am kaufkraftbereinigten Pro- Kopf- Einkommen, dem Einzelindikator für gesellschaftlichen Wohlstand, sind die USA noch immer die reichste der großen Industrienationen. Das wären auch nach einer Rezession noch der Fall. Das vergisst man im krisenbewussten Europa gerne. So ist das Kaufklima in den USA nie unbegründet negativ wie z.B. gerne mal in Deutschland, oder auch in Australien.
Miami hat das höchste Pro-Kopf- Einkommen der USA. Wer teure Luxusautos liebt, kommt hier auf seine Kosten. Die hochgeschätzten europäischen Marken Daimler, BMW und Audi sind hier Standard. Dazu aber sieht man jede Menge der teuersten Marken der Welt. Rolls, Bentley, Lamborghini, Ferrari, Maserati etc. Lue war in seinem Element. Den Straßenkreuzer, den wir gemietet hatten, steuerte er mit großem Wohlgefallen.
Seit die Sammler-Familie Rubell im Jahr 2002 der Art Basel den Weg nach Miami geebnet hat, entwickelt sich hier eine Kunstszene, die sich im Stadtteil Wynwood niedergelassen hat. Das eine Millionenstadt mit den reichsten Bürgern der USA eine solche Initialzündung brauchte, eine nennenswerte Kunstszene zu entwickeln, wirft ein Licht auf das Phänomen Kunst und deren Vermarktung. Die kubischen Gebäude von Wynwood, die ehemals für Kleinindustrie gebaut wurden, sind allesamt mit Graffiti dekoriert. Ein ungewohnt bilderfreundlicher Eindruck und ein starkes Signal.
Die Sammlung der Rubells enttäuschte, was man von keiner der sieben Messen, die wir besucht hatten, sagen könnte. Außer einem großen Neo Rauch, der hier deplaziert wirkt, ist da eine Zusammenkunft von Namen und Werken, die ich nicht verstanden habe. Hier wird kein roter Faden sichtbar, aber die Liebe zum Effekt. Man hat den Eindruck, dass hier ein Weg eingeschlagen wurde, die eigene Peergroup auf eine neue Art zu beeindrucken. Man kauft Kunst ein, die alle Erwartungen enttäuscht und den Besuchern die Frage aufdrängt, nach welcher geheimnisvollen Idee in dieser disparaten Sammlung aufgebaut wird. Unter Milliardären kann man nicht mehr mit den übertrieben hohen Einkaufspreisen für die aktuell angesagten Werke und Künstler beeindrucken. Man muss die Besucher ratlos machen und gibt ihnen das Erlebnis, nichts verstanden zu haben. Irgendwie erinnert mich das an so manche Eröffnungsrede, die ich im Laufe der Jahre zu Hause gehört habe.
Miami ist eine sehr schöne Stadt, die mit vielen, im Art Deco entstandenen Gebäuden und solchen Vierteln punktet. Der Reichtum, die Meereslage und das tropische Klima, die Zusammenkunft der hispanischen und der nordamerikanischen Kultur erzeugen eine eigene Stimmung. Wie man lesen kann, bietet sie Stoff für einen aktuellen, aufschlussreichen Roman!
- Blog von Edgar Diehl
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