Begegnung mit Prof. Eugen Gomringer einem Zeitzeugen / einer wandelnden Legende

Wer sich im 21. Jhd. für bildende Kunst interessiert findet, im neuen, bisher kurzen Jahrtausend keinen künstlerischen Impuls, von dem man annehmen kann, dass er die Jahrzehnte überdauert und evtl. das Jahrhundert prägen wird.Blickt man zurück ins 20. Jhd., fällt eine Bewegung ins Auge, die so herausragt, dass man sich mit Recht fragen kann, ob es in der Geschichte der Kunst etwas Vergleichbares gegeben hat. Als vor 100 Jahren in verschiedenen Ländern Europas Künstler den Drang verspürten, eine Kehrtwendung zu machen und sich radikal vom außerbildlichen Gegenstand visueller Darstellung abwandten, kam es eine Umwälzung, die stilbildend wirkte und mit der Zeit den ganzen Bereich der visuellen Gestaltungsdisziplinen erfasste. Malewitsch, Mondrian, Arp, voan Doesburg und andere waren die Pioniere einer Bewegung, die später mit dem Bauhaus die einzige weltweit wirksame Gestaltungsschule hervorbrachte. Ihrer Kunst gaben sie den erklärungsbedürftigen Namen „Konkrete Kunst“.

Wer es schafft, den in uns Menschen verankerte Wiedererkennungstrieb zu überwinden, und einem Werk der bildenden Kunst erwartungsfrei gegenüber zu treten, erfährt sich selbst auf eine neue Art, und hebt Schätze visueller Erkenntnis.

Obwohl die Konkrete Kunst, die man in einigen Ihrer Ausformungen auch Konstruktive Kunst nennt, lebendig ist, sich weiterentwickelt und ihren Einfluss ausübt, gibt es legendäre Vertreter dieser Richtung. Wenn man heute noch einmal einen Josef Albers für einen Vortrag gewinnen könnte, dann wäre das eine Weltsensation. Lebte Max Bill oder Gropius noch und könnte für eine Gestaltung beauftragt werden, dann würde das viele auf den Plan ziehen, Auftraggeber sein zu dürfen. Es gibt noch sehr lebendige Zeugen dieser Anfänge, die über einen Reichtum an Wissen und Kenntnissen verfügen.

Prof. Eugen Gomringer ist einer der aktiven Akteure und Mitgestalter der zweiten Geernation dieses Umbruches. Er wurde 1925 in Bolivien geboren und ist in der Schweiz aufgewachsen. Als Begründer der Konkreten Poesie hat er schnell Kontakt zu den Großen der Epoche bekommen. 1944 , als im Kunstmuseum Basel die erste Ausstellung Konkreter Kunst gezeigt wurde, begann er seine Studien der Ökonomie, Kunst- und Literaturgeschichte an der Uni Bern. 1953 gründete er mit Marcel Wyss und Dieter Roth die Zeitschrift „spirale“ in der er seine konkreten Gedichte veröffentlichte und die Absichten und Theorie der neuen Gestaltung darlegte. Prägend war seine Zeit von 1954 bis 1957 als Sekretär von Max Bill an der neu gegründeten Hochschule für Gestaltung Ulm. Dort wurde er dann 1958 Dozent für Information. Diese Akademie, die in Ulm entstand und das Erbe des Bauhaus antrat, brachte ihn in Austausch mit Josef Albers, Max Bense, Friedrich Vordemberge.- Gildeward, Johannes Itten etc.

Prof. Gomringer arbeitete auch für die Industrie, war von 1961-1967 Geschäftsführer des Werkbundes in Zürich und anschließend Kulturbeauftragter der Rosenthal Ag in Selb in Hochfranken. Das berühmte Porzellanwerk, das von Walter Gropius gebaut wurde, hatte ein Programm aufgelegt, in dem 100 Künstler aufgefordert wurden, Produkte zu gestalten. Prof. Gomringer war dafür der richtige Mann.

1977 bis 1990 wurde er Professor für die Theorie der Ästhetik an der Akademie Düsseldorf. Die Hochschule für Gestaltung, die 1967 leider schloss lebte 1988 als Internationales Forum für Gestaltung wieder auf dessen Intendant er mehrmals war. Seine Vorlesungen führen ihn durch Europa, und Nord- und Südamerika. Seine mittlerweile stattlich angewachsene Sammlung Konkreter Kunst fand 1992 im ersten Museum seiner Art in Ingolstadt, dem Museum für Konkrete Kunst, ihren Ort in Deutschland.

Im Jahr 2000 ließ er sich im hochpfälzischen Rehau nieder, und gründete dort mit seiner Frau Nortrud , einer promovierten Germanistin und seinem Sohn Stefan das IKKP, Institut Konkreter Kunst und Poesie. In dem hervorragend umgebauten Schulhaus gegenüber der Kirche mit einem Skulpturenpark davor arbeitet er an seinen vielfältigen Projekten und betreibt mit seinem Sohn Stefan, das Ausstellungshaus für Konkrete Kunst.

Im März diesen Jahres besuchte er zusammen mit Stefan Gomringer mein Atelier, um die Arbeiten für die Ausstellung auszusuchen. Als er mich an der Tür in seinem Schweizer Akzent mit den Worten begrüßte. „ Herr Diehl, wir danken Ihnen, dass wir bei Ihnen sein dürfen“, bekam ich den ersten Eindruck von seinem Humor.

Anschließend bei einer Exkursion zum nahe gelegenen Kloster Eberbach im Rheingau, führte er uns, der er zum ersten Mal dort war, über die große Anlage der ehemaligen Zisterzienserabtei. Was Wunder, dass der Poet und Theoretiker der Konkret- Konstruktiven Kunst, die Hinterlassenschaften dieses Ordens eingehend studiert. Waren nicht die Bauvorschriften der Zisterzienser nicht die erste Verwirklichung des Gedankens der Formreduktion zu Gunsten von Spiritualität? Beeindruckend der schmucklose Innenraum der Basilika, in dem die Elemente von Raum, Licht und Klang ungestört zur Wirkung kommen. Obwohl der Zisterzienserorden mit 500 Klöstern der wirtschaftlich erfolgreichste seiner Zeit war, blieb der innere Zugang zum Sinn einfacher und klarer Gestaltung bis heute ein Thema von Reformation und Umwälzung. Im mentalen Zweikampf zwischen mondänem Schmuckbedürfnis und der geistigen Suche nach dem Ursprung, bleibt der Sinn für die Bedeutung von Einfachheit zur Erlangung von Inhalt einer gebildeten Elite vorbehalten!

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