Chinesische Staatskunst im Museum Ludwig in Koblenz

Als ich am Samstag 26.1. von Wiesbaden nach Koblenz fuhr, war das der dritte Versuch meinen Terminkalender mit den üppigen Schneefällen und dem Eisregen im Januar in Einklang zu bringen. Die linksrheinische Landschaft lag unter einer geschlossenen Schneedecke und diese unter einem drögen grauen Himmel, der einen Autofahrer schläfrig machen konnte. Ein Glück, dass ich niemanden überredet hatte, zu begleiten, denn schon beim Aussteigen wurde man von einem schneidenden Wind in Minusgraden aufgeweckt, und was danach kam, war auch eine Art von Erwachen. Ein Kollege, hatte mir die Ausstellung empfohlen und im Nachhinein nehme ich an, er hat sie selbst nicht gesehen! Die erste Überraschung war das Gebäude. Wer das berühmte Museum Ludwig in Köln kennt, erwartet nicht, eine weitere Niederlassung in einem frühmittelalterlichen Gebäude, das 1250 als Niederlassung eines Pflegeordens, dem Deutschherrenoden, gebaut wurde. Heute merkte man dem Gebäude seine letzte Nutzung, die der Bauverwaltung der Stadt Koblenz leider noch an.

 

Die nächste Überraschung war die Ausstellung selbst. Wer einen Überblick über Positionen abstrakter chinesische Kunst erwartet hatte, so wie ich, wurde enttäuscht. Statt einem Angebot mit einer Anzahl von künstlerischen Positionen wurde man mit der kleinsten Anzahl von Künstlern bedient, die den Plural im Titel noch rechtfertigt : zwei !
Im ersten Geschoss begegnete man der Fotoausstellung der Künstlerin Xiao Hui Wang. Ein Teil der Präsentation waren großformatige Fotos, die junge Frauen in Arrangements zeigen, die man für den Begegnungsraum edler chinesischer Bordelle halten könnte, die aber keine sein sollen. Keine Sozialkritik, nur ein bisschen Ästhetik der Sünde, brav in Szene gesetzt. Die Würze der Verruchtheit wurde mit einer Fotoshop-Bearbeitung noch etwas gesteigert.

Weiter hinten in den Ausstellungsräumen wechselt das Genre zu Fotoarbeiten, die aus technischen Detailaufnahmen nicht ableitbarer Herkunft mit unklarer Bearbeitungen „abstrakte Formen“ hervorbringen, die, wie sollte es anders sein, an chinesische Tuschezeichnungen erinnern.

 

 

Ein Film über die Künstlerin, der auf einem Monitor zu sehen war gibt deren sozialen Hintergrund. Im Stile kommunistischer Propaganda- und Jubelfilme wurde sie als hochrangige Staatskünstlerin portraitiert, die als Professorin, in einvernehmlichem Kontakt mit den Staatsgrößen und Prominenten mit Ehren dekoriert wird, und in öffentlichen Auftritten glänzt. Ein Projekt, in dem ihre Studentinnen und Studenten die Dächer von hunderten von Kleinwagenmodellen im Spielzeugformat unterschiedlich bemalt hatten, wurde als eine ihrer weiteren Arbeiten gezeigt. Auf einem Poster war die Gesamtzahl diese Fleißarbeit in Reih und Glied in winzigen Repros quasi als Raster aufgelistet. Hier wird geklotzt ! So auch mit dem 4 kg – Katalog, der auf extra dickem Papier das Gewicht eines documenta - Kataloges topt ! Der Katalog einer Anselm Kiefer Ausstellung, die früher hier stattfand, der direkt daneben steht, nimmt sich dagegen bescheiden aus.

 

 

In der Ausstellung findet man eine Zeitschrift deren Titel so lautet: „ab 40“ Zeitschrift von, für, über Frauen. Wie sie leben, wie sie denken, wer sie sind.“ Frau Wang ziert das Titelblatt! sie wirkt sympathisch! Darin lesend erfährt man, Frau Xiao Hui Wang war lange stellvertretenden Direktorin der Auskunftsstelle der Stadtregierung von Shanghai. In dem anschließend abgedruckten Interview werden ihr Fragen gestellt wie: „Wie bist du mit dem Druck klargekommen, so viele Jahre lang Pressesprecherin zu sein? Oder : „Du stehst in der Öffentlichkeit und giltst als schöne Frau. Wann empfindest du eine Frau als schön?“ Kein Wort in dem fünfseitigen Gespräch über die Arbeit als Künstlerin. Das bisschen Fotokunst macht die Frau von Welt mit Lehrstuhl und helfenden Studentinnen nebenbei! Kommt es denn auch dem repressiven Staat sehr entgegen, zu zeigen, dass es in Chinas Künstlerschaft nicht nur subversive Subjekte wie Ai Weiwei gibt.Bei einer solchen Ausstellung darf eines natürlich nicht fehlen, die Ästhetisierung des weiblichen Geschlechtsorgans. Was in realer Form, in der es Männer lieben, als Pornografie gebrandmarkt wird, und ähnlich wie echte Bordellfotos Anstoß erregen würde, wird als florales Zitat gleichsam zur botanischen Kunst. Es gibt eine Unmenge Blumen, deren Blüten sich wie geöffnete Schamlippen fotografieren lassen. Fotos von Blüten oder Darstellungen, die wie Blüten aussehen sollen, deren Appel zwischen sexueller Bereitschaft und botanischer Schwärmerei liegt, begegnet man oft in der Arbeit von Künstlerinnen. Der Prachtband „Erotic Flowers“ von Xiao Hui Wang für € 190,- ist darin Spitze.

 

Im ersten Stock begegnet man dann den abstrakten Großformaten des Künstlers Xiaosong Wang. Hier tritt die mangelnde Beleuchtung und der Gilb der Wandfarbe mit der Vibration des ehemaligen Amtsgebäudes in traurigen Einklang. Die Bemühung des Kollegen mit Massen an Ölfarbe die auf den Riesenformaten direkt aus der Tube auf das Schwerleinen aufgebracht sind, Eindruck zu schinden, ergeben mit den komischen Titeln einen merkwürdigen Eindruck. Xiaosong Wang „Spannender Kern“, Öl auf Leinwand, 200 x 350 cm Warum macht das Museum Ludwig eine solche Ausstellung? Von einem Mitarbeiter erfährt man, dass der Sammler Ludwig weltweit elf Museen unterhält. Zurzeit expandiert er nach China und platziert dort ein weiteres Museum. Da müssen schon mal Konzessionen an die Entscheider gemacht werden, das ist bei uns nicht anders! Angesichts der großen Leistung dieses Mäzens und dessen Bedeutung, sollte man keine Kritik üben. Die Dinge stehen oft miteinander in Verbindung. Die aktuelle chinesische künstlerische Produktion wäre ohne die westlichen Vorbilder nicht denkbar und entfaltet sich nach ihrem eigenen überehrgeizigen. auf Expansion gestimmten Impetus. Was sich hier allerdings ungeschminkt und unbemäntelt zeigt, findet man in abgemilderter Form an „Positionen“ bei uns auch.

 

 

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