Die wachsende Bedeutung ungegenständlicher Kunst

Das verstärkte Interesse an ungegenständlicher Kunst hat die letzte „art basel“ wieder gezeigt . Nach dem Urteil vieler Beobachter ist die gegenstandsfreie Kunst auf dem Vormarsch. In Süddeutschland sind in den letzten Jahren verschiedene Sammlungen Konkret – Konstruktiver Kunst an die Öffentlichkeit getreten. Meist hatten die Sammler, entgegen der Mode über lange Zeit Werke erworben und Aufbauarbeit geleistet. Die Kunsthalle Messmer in Riegel, die das Gesamtwerk des frühen Konstruktivisten André Evard beherbergt, lobt dieses Jahr zum dritten Mal den gleichnamigen Preis aus. Er ist der größte Preis für Konkret – Konstruktive Kunst und mit € 10.000 dotiert. Es haben sich dieses Jahr über 700 Künstler aus 35 Ländern beworben. Das reduzierte visuelle Vokabular und der gedankliche Hintergrund Vokabular, die auf die einzige Revolution zurückgehen, die in der westlichen Kunstgeschichte stattgefunden hat, ist lebendig und wird ständig weiterentwickelt.

Cruiz-Diez 60x120cm ca. € 120.000,verkauft

Carlos Criuz-Diez, 60 x 120 cm, ca € 100.000,- verkauft auf der art basel

 

Warum ist das so? Die radikale Gegenstandslosigkeit und Einfachheit in der Gestaltung sind mit ihrer nunmehr 100- jährigen Tradition trotzdem ein relativ neuer Ansatz. Kubismus, Surrealismus, Fotorealismus, Fotografie als Kunstgattung, die diversen Formen von Medienkunst wie Video, Film, viele Installationen etc., die sich zeitlich danach entwickelten, fußen meist auf gegenständlicher Darstellunge. Deren Tradition reicht zurück bis in die Vorgeschichte der Menschheit. Auch wenn heute jemand mit einem Computerprogramm Bildwelten zusammenstellt, bleibt er noch in dem jahrtausende alten Rahmen der Gegenständlichkeit. Diese hat mit der Entwicklung der Digitalisierung eine Verfügbarkeit über Bilder erreicht, die in einen Malstrom mündet. Reizüberflutung, Beziehungslosigkeit, das Zitat des Zitierten und dazu die Verweigerung eines sinnstiftenden Hintergrundes sind eigentlich die Gegenpole zu dem, was Kunst leisten kann. Sie haben sich aber in den Medien und auch Bereich der Bildenden Kunst ausgebreitet. Das der Rezipient jetzt nach dem Gegenteil sucht, ist zu verstehen.

Was ist der Vorteil für den Betrachter bei einer Kunst, die auf den Gegenstand verzichtet?

Zunächst ist der Betrachter stärker gefordert. Er bekommt keine wieder erkennbaren Formen angeboten, keine prominenten Symbole und seine biologischen Instinkte werden nicht angesprochen. Für den oberflächlich Interessierten ist das der Punkt an dem er sich abwendet. - Am nächsten Messestand gibt es Gegenständliches! Die Zweckbestimmung unseres Sehapparates, der auf Erkennen und auf Wiedererkennen von Formen und Sachverhalten ausgerichtet ist, zu verlassen und die Funktionen des Sehens als solche zu nutzen, das war immer das Anliegen der „Gegenstandslosen Künstler“! Beim Betrachter ist dazu ein Umdenken, ein anderes Sehen nötig. Die Elemente der visuellen Wahrnehmung von Umriss, Form, Raum, Unten und Oben, Kontrast und Farbe sind noch in Gebrauch, aber wie es scheint, um ihrer selbst Willen, und nicht als Transportmittel für die Illusion eines Gegenstandes. Diese Elemente werden im Gehirn, jedes für sich, in einem eigenen Zentrum verarbeitet. Z.B im Zentrum „Kontraste“, werden solche, die zu schwach sind verstärkt. Dann werden die Bilddaten mit einander in Einklang gebracht und dabei passiert etwas Erstaunliches: Der Rückgriff auf die Sehgeschichte des Betrachters ist entscheidend für das Bild, das vor seinem Inneren Auge entsteht. D.h. was ein Mensch schon als Struktur kennen gelernt hat, wird mühelos aus den vorhandenen Sehdaten heraus wieder so interpretiert, wenn passende Daten angeboten werden. Ist das nicht der Fall, dann wird diese Struktur, oder auch ein Gegenstand nicht gesehen.

Jeder Künstler erlebt das von der „positiven Seite“ wenn er mit einem Freund spazieren geht und diesen auf das eine oder andere aufmerksam macht. Oft bekommt er am Ende des Spazierganges zu hören, dass er ganz anders und vor allem viel mehr sehe. Was Wunder, die Ausübung der bildenden Kunst ist ein ständiges Sehtraining. Wenn man zur Kalkulation zieht, dass bis zu 50% der Gehirnzentren mit der Verarbeitung der Sehdaten zu tun haben, lässt sich ermessen, welches ungeheure Entwicklungspotential hier für den Laien liegt. Das Angebot einer Kunst, die darauf verzichtet, dem Betrachter zu bieten, was er schon tausendfach gesehen hat, - Gegenstände - , bedeutet, ihn an dem Entwicklungsprozess, den Künstler fortlaufend machen, teil nehmen zu lassen.

Auch einen Maler des Realismus interessieren nicht die Äpfel auf dem Stillleben das er malt, sondern die Raumverhältnisse, Farbzusammenspiel, Kontraste, Spiel der Formen, Komposition mit ihren Gewichten und Gegengewichten. Mit Cézanne wurde das besonders deutlich. Er hatte seine Kollegen von Anfang an inspiriert. Von Cézanne zu dem Punkt, wo man das Stillleben ohne Äpfel malt, ist ein keiner aber konsequenter Schritt. Nicht viele Künstler nutzen diese Aufbauarbeit der Vorgänger- Generationen. Die, die es tun, sind für mich die Interessanten.

Wie gesagt, die Gehirnforschung hat in der letzten Dekade große Fortschritte gemacht und interessante Fakten ans Licht gebracht : In dem o.g. Verarbeitungsprozess visueller Daten wird also ein Bild produziert, für welches das mit die Augen empfangenen Bildsignale nur eine Materiallieferung darstellen. Denn, und das hat auch mich frappiert, 90% dessen, was wir als „gesehenes Bild“ erleben, stammt aus unserem Bildspeicher und den bei früheren Sehakten gewonnenen und hier neu angewandten Erkenntnissen. Nur so kann die Raumordnung, die Morphologie des Untergrundes, die Entfernung der Gegenstände von uns, deren Bedeutung etc. erkannt werden. All das musste über einen langen Zeitraum hin erlernt werden und es funktioniert danach scheinbar mühelos. Der immense Rechenaufwand, der dabei geleistet wird, wird kaum bemerkt. Man kann das Maß der Freiheit für die Sehvorgänge nur erahnen, das daraus folgt, wenn man sich diese Prozentzahl vergegenwärtigt.

Ein Bildangebot, das den Bildspeicher mit seinem „Erlernten Sehen“ nicht nutzt führt das Sehen auf eine grundlegendere Ebene zurück und ermöglicht so neue Erfahrungen. Man könnte sogar sagen, dass ohne diesen Verzicht auf das, was die Theoretiker „Sehkonvention“ nennen, es keine neue Bilderfahrung geben kann. Dass das Denken zum großen Teil in Bildern stattfindet, war lange nicht gesichert, ist aber seit neuerer Zeit stand der Wissenschaft. Könnte ein neues Sehen auch ein neues Denken ermöglichen? An diesem Zusammenhang zwischen Gegenstand, oder dessen Ausschluss, dem Sehen und dem Denken, setzt die Experimentierfreude der Künstler an. Einige Sammler und Rezipienten gehen den Weg begeistert mit. Wiesbaden 12.07. 2013

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