Drei Begegnungen mit Jan Hoet

Zum ersten Mal begegnete ich Jan Hoet in Gent. Ich war im Jahr zuvor in den Nassauischen Kunstverein in Wiesbaden eingetreten, um das Ausstellungswesen auch einmal von der Kuratoren- Seite her zu erfahren. Es war damals ungewöhnlich, dass Künstler in den Vorstand eines Kunstvereines gehen. Das führte zunächst zu bissigen Kommentaren und später zur Nachahmung.
Jan Hoet, der damalige Direktor des Museums van Hedendaagse Kunst in Gent war gerade als Leiter der im darauf folgenden Jahr stattfindenden documenta 9 gewählt worden. Gent war die Partnerstadt von Wiesbaden und ich fand, dass eine Ausstelluung mit Gentern in Wiesbaden stattfinden sollte. Städel (Hochschule für bildende Künste,Frankfurt) - Alumis hatten in Frankfurt die Kunstzeitschrift ROGUE herausbrachten, für die ich schrieb. Damit hatte ich einen zweiten Grund nach Gent zu fahren. Ich wollte Jan Hoet interviewen.
Ein Genter Kollege, den ich in Wiesbaden bei seinem Artist in Residence- Stipendium betreut hatte, warnte mich. Jan Hoet sei ein Choleriker, ehemaliger Boxer und würde hin und wieder Künstler, die sich auf Eröffnungen daneben benehmen, aus dem Museum prügeln. Der Mann gefiel mir, denn einer, über den man so redet, leistet meistens Erstaunliches, was oft auch Neid erregt. Einige Jahre zuvor hatte er mit seiner Ausstellung „Chambres d´amis“, bei der er Genter Bürger veranlasst hatte, in ihren Wohnungen Künstler zu präsentieren, Furore gemacht.
Gent hat eine herrliche alte Architektur und war einst durch Leinenproduktion eine der größten und reichsten Städte Europas. Der genius loci einer Stadt ändert sich nie. Kultur, Küche, Wohnen, Kunst bleiben auch bei beschränkteren Mitteln auf einem hohen Niveau. So auch in Gent. Dort gibt es z.B zwei verschiedene Kunstakademien.
Als ich das Museums Museum van Hedendaagse Kunst umrundete, fiel mir auf, dass es auch hier nach flämischer Tradition keine Vorhänge und Jalousien gab, und man die Mitarbeiter bei ihrer Tätigkeit durch die Fenster beobachten konnte. „Bei uns kann jeder sehen,was wir machen“, lautet das Credo protestantischer Ethik! In einem der Büros sah ich Jan Hoet. Er lehnte an seinem Schreibtisch und las mir gesenktem Blick in einem Buch. Ich ging hinein und fragte, ob ich ihn sprechen könne. Der Sekretär sagte Jan Hoet sei nicht da. Ich antwortete, dass mir sein Doppelgänger, den ich in einem Büro von draußen gesehen hatte, für mein Interview genügen würde. Nach 5 Minuten Diskussion mit dem Adlatus erschien Jan Hoet in der Tür. Nicht ich, sondern er war verlegen. Wir sprachen eine Weile über das Interview, das ich wünschte und er bat mich, ihn nach 6 Monaten in Kassel zu besuchen, wenn er in der Vorbereitungsphase der documenta sei, dann würde er auch besser deutsch sprechen. Warum nicht, ich hatte mehr erreicht, als ich erwartet hatte.
Ich hatte aber noch einen andere Mission. Eine Ausstellung mit Genter Künstlern im Nassauischen Kunstverein in Wiesbaden zu organisieren. Ich hatte von zu Hause aus den Leiter des Genter Kunstvereins gebeten, mir ein Portfolio mit den Dossiers von 50 interessanten Genter Künstlern vorzubereiten. Ich suchte Marc de Cock auf und wählte 25 Künstler aus der Mappe aus, und bat ihn, eine Besuchsagenda für einen Woche, im darauf folgenden Monat, zu organisieren. Er war kollegial und hilfsbereit und fragte mich, ob das mein Ernst sei, in einer Woche 25 Ateliers besuchen zu wollen. Ich verstand damals nicht, was das Problem sein sollte.
Frank Hellwig ein hervorragender Fotograf aus Kassel und ich bewegten uns 6 Tage per Rad durch Gent. Das war eine der interessantesten Wochen, die ich bis dahin erlebt hatte. Die Stadt war aufregend und damals voll von ausgelassenen Produktionsstätten. Die Behörden erlaubten den Künstlern auf kreative und teilweise abenteuerliche Art dort Ateliers einzurichten. Die Anzahl avancierter Kollegen erstaunte mich und am letzten Tag, an dem wir in einem Atelier einfach einschliefen, als man uns 5 Minuten warten ließ. Ich musste mich schnell entscheiden, denn die 5 Künstler, die ich in Wiesbaden zeigen wollte, waren in ihren Ateliers zwar von Frank fotografisch dokumentiert, aber noch nicht benachrichtigt und interviewt worden. Danny Mattys war der eloquenteste und gereiftetste der Künstler Gruppe. Als wir per Rad bei ihm vorfuhren lachte er schon. Vorstände vom Nassauischen Kunstverein Wiesbaden hatte er sich in einem Mercedes-Benz vorfahrend vorgestellt. Ich lernte viel von ihm über die Stadt und ihre Kulturszene. Kurz zuvor hatte Jan Hoet die Genter Künstler ausgesucht, die er auf der documenta zeigen wollte. Dergleichen wäre in Gents Partnerstadt Wiesbaden undenkbar gewesen: Ein Museumsleiter, der nicht ängstlich Abstand zu der Szene der Stadt hält, in der er wirkt. Eigentlich immer ein Ausdruck von Provinzialität und social climbing. Alle 5 Kollegen, die ich ausgesucht hatte, waren nach Auskunft lokaler Scouts auch auf Jan Hoets Liste gewesen. Entsprechend gut war unsere Stimmung in Gent. Unserer Runde durch die Ateliers hatte sich herumgesprochen. Wie intensiv, das erlebten wir, als wir am letzten Abend auf einer Vernissage wie Prominente umgarnt wurden.
Die Ausstellung und die Zeitung, die ich dazu herausbrachte, nannte ich nach einer Aussage Dannys zu seiner Haltung zum damals erhitzten Kunstgeschehen in Gent:„We are going slowly“. Die Eröffnung im NKV war ein durchschlagender Erfolg. Die Zeitung, die als Einladung verschickt wurde, hatte die damals 700 Mitglieder neugierig gemacht und es war proppenvoll. Bei der Eröffnung gab es 30 Neuzugänge.
Aber zurück zum Interview. Als ich Jan Hoet ein halbes Jahr später in Kassel aufsuchte, begrüßte er mich scherzhaft als Reporter der Zeitschrift VOGUE, worauf ich ihn mit „Harry Szeemann“ ansprach. Er hatte Humor. Pier Luigi Tazzi, sein Assistent, und der Fotograf Erhardt Schepf waren zugegen. Ich stellte Jan keine einzige Frage zur anstehenden documenta, was ihn ungemein entspannte. Ich wusste, dass das andere zur Genüge tun würden. Es ging nur um Kunstvermittlung, Lyrik, den Inzest der Kunst und die Weigerung der Historiker, das Publikum anzuleiten. Ein Zitat war bezeichnend. „Was ich wirklich hasse, ist wenn sich Leute über die Künstler stellen. Wir Kuratoren haben in der zweiten Reihe zu stehen.“ Die großen Ausstellungsmacher haben die Größe, ihre Künstler groß sein zu lassen, und sich nicht mit einem Konzept, einer Theorie, oder gar ihrem Ego vor sie zu stellen.

Die dritte Begegnung mit Jan Hoet fand 2012 in Wiesbaden statt. Die Wiesbadener Biennale, der „Wiesbadener Sommer“ fand in dem Jahr im Nerotal -Park statt. Im Thalhaus das am Rande des Parks liegt, war die Veranstaltung dazu. Jan war als Redner eingeladen. Die Kuratorin der Freiluftausstellung gestaltete ihren Vortrag und ein asiatischer Künstler zeigte einen langen und schlechten Film über sein Gartenprojekt in Südkorea. Es war dröge. Als Jan Hoet zu sprechen begann, wurde es hell im Raum. Man konnte erleben, wie Geist Licht erzeugt. Ich schaute unwillkürlich zur Decke, um zu prüfen, ob dort eine Zusatzbeleuchtung eingeschaltet worden war. Er sprach frei und ging auf den Ort ein. Was ist ein Park? Wie hat sich dessen Bedeutung mit der Zeit gewandelt? Warum ist er heute ambivalent und was bedeutet das für die Kunst? Dann ging er auf die Exponate ein und äußerte auf höfliche Weise Anerkennung und Kritik.
Wir verabredeten uns für den nächsten Morgen im Museum ,Wiesbaden, wo er zuvor einen Termin hatte. Das Abholen dauerte länger, denn es gab für den renommierten Kurator eine ausgedehnte Hausführung, an deren Ende sich der Hausherr die Ehre gab hinzuzustoßen. Es wurde vieles ausgetauscht. Für mich war das die Begegnung zwischen alter und neuer Schule. In Wiesbaden ging es damals um große Namen und internationale Anerkennung, bei Jan Hoet um junge Kunst, Experimentelles und Nähe. Als ich mit ihm in die Walkmühle einfuhr, atmete er auf. Die unrenovierte Fabrikanlage mit viel wildem Grün und die charmanten großen Ausstellungsräume beflügelten seine Phantasie. Er hatte schon zuvor vom Künstlerverein Walkmühle gehört, und den Besuch bei uns vorgesehen. In der Ausstellung „reich sein“ die damals gerade lief, ging er zielsicher auf ein Werk zu, das herausragte. Eine umgebaute und mit einer Vielzahl von Applikationen bestückten Kindergitarre des Wiesbadener Künstlers Markus Metz interessierte ihn. Ich halte Metz für den einzigen lebenden Fluxus.-Künstler in Wiesbaden, der auch existenziell das Erbe dieser Bewegung angetreten hat, ohne das zu beabsichtigen. Jan Hoet wollte mehr über diesen Künstler wissen. Ich schickte ihm Informationen, hatte dann aber nichts mehr von ihm gehört. Die Öffentlichkeit hatte nicht erwartet, dass er so schnell seinen Dienst an der Kunst quittieren würde. Er wird mit Harry Szeemann, Wilhelm Bode und anderen in den Olymp der großen Kuratoren der westlichen Welt eingehen.
- Blog von Edgar Diehl
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