Joanne Brackeen spielte in Wiesbaden für einen kleinen Kreis von Fans
Wenn Freunde und Bekannte von einem Besuch aus Berlin nach Wiesbaden zurückkommen und schwärmen, beleibt es nicht aus, dass sie Berlin mit Wiesbaden vergleichen. Wenn ich sie dann frage, was sie in der Bundeshauptstadt alles gesehen haben, kommt raus, dass sie dort oft Wege von jeweils mehr als 30 Minuten zurücklegten um von A nach B , von B nach C und wieder zurück nach A zu kommen. Auf unsere Region übertragen hieße das, man besuchte als Wiesbadener ein Museum in Frankfurt, danach ein Konzert in Darmstadt und würde in Mainz noch einen Absacker trinken, bevor es wieder nach Hause ginge. Tatsächlich bleiben aber alle in ihrer Stadt, so wie viele Berliner tun, die jahrelang ihren Bezirk nicht verlassen und von dem fulminanten Angeboten der Metropole Null mitbekommen. Wiesbaden kann man mit Berlin Dahlem vergleichen, liebe Freunde und Berlin mit dem Rhein-Main Neckarraum!!
Was eine Region zu bieten hat erschließt sich natürlich nicht wenn man nur „unterwegs“ - d.h. daran interessiert ist was sich kulturell lohnt - wenn man verreist. Kulturelle Highlights, gibt eigentlich überall. Als ich am Montagmorgen den 11.3. in mein Atelier radelte, nahm ich einen ungewöhnlichen Weg und traf dabei einen Wiesbadener Musiker, dem ich sonst selten begegne. Bei einem kurzen Talk bemerkte er, dass in der Kantine des Taunusfilm- Geländes, oben „ unter den Eichen“ in der „Camera“ am selben Abend Joanne Brackeen spielen würde. Ich war mit sicher, dass das nur ein Scherz sein konnte. In dem 60er Jahre Rundbau, in dem die Fachhochschüler und Mitarbeiter der Filmfirmen zu Mittag essen, wird die Weltgröße des Jazzpianos wohl kaum spielen. Und das noch ohne jede Ankündigung.

Joanne Brackeen in Wiesbaden. Foto: Frank Deubel
Ich mache es kurz. Es war das eindrücklichste Jazzkonzert, das ich seit Jahren erlebt habe. Die begnadetet Pianistin spielte zusammen mit dem Saxophonisten Tony Lakatos,. Viele der Zuhörer, die Tony kannten, sagten, dass sie ihn noch nie so befreit haben spielen hören. Die mittlerweile 75 Jahre alte Joanne Brackeen, die im Alter von 15 ihre ersten Auftritte hatte, gab ein zweistündiges Konzert, in dem man alles vergaß und nur noch Musik war. Mir passiert das nicht oft. Die Tranzendenzerfahrung, die nach Sloterdijk die Menschen im Kuturbetrieb suchen, war bei diesem Konzert kollektiv. Vielleicht lag es gerade an dem schlichten Ambiente, der Bescheidenheit mit der diese großartige Frau und ihre Kollegen auftraten, und an der stillen Hingabe des ausgesuchten Publikums. Wunderbar wie Joanne mädchenhaft und erstaunt lächelte, wenn sie Zwischenapplaus bekam.
Wie kam es zu diesem musikalischen Höhepunkt, so im Verborgenen. Peter Schilbach ein Jazzbegeisterter Promoter organisiert Tourneen für Musiker und sorgt am Ende von Touren, wenn es geht, für einen Auftritt seiner Stars in der „Camera“. Das klappt immer nurnso kurzfristig, dass es weder in Presse noch in sonstigen öffentlichen Medien eine Ankündigung gibt. Wer in seiner Mailliste steht, wird benachrichtigt, wer auf der Website nachschaut erfährt es auch. (pschilbach@jazzmap.de) Joanne Brackeen hatte am Tag danach Aufnahmen mit dem WDR wie man hörte, und hatte den Montag frei. Den gab sie uns, Danke Joanne! Danke Peter!
- Blog von Edgar Diehl
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